Olympia in Tokio 2020 wirft seinen Schatten voraus

 

Wenn man um diese Zeit Urlaub in Japan macht, bietet es sich an, bei dieser Gelegenheit ein wenig zu recherchieren, wie es gegenwärtig um die Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio aussieht. Diese Möglichkeit bot sich uns während eines Aufenthalts vor Ort vom 10. bis 17. Dezember 2017.

Von Hubert Meisen (Text) und Petra Juretzki (Fotos)

Zunächst einmal stand der überwältigende Eindruck von der riesigen Metropole im Vordergrund, die derzeit mit ihren 37,7 Mio Einwohnern die größte Stadt der Welt ist. Überraschend war dabei die Feststellung, dass Tokio nicht im Autoverkehr erstickt, wie das in vielen Millionenstädten der Fall ist. Vielmehr hat man das Gefühl, dass sich die riesigen Menschenmassen überwiegend zu Fuß oder mit der Bahn fortbewegen. Noch nie habe ich auch nur annähernd so viele Menschen auf Bahnhöfen gesehen wie in Tokio. Allein der Bahnhof von Shinjuku, dem Stadtteil, in dem sich unser Hotel befand, wird täglich von circa 3 Mio. Menschen benutzt.

Baustelle zum Neubau des Olympiastadions
Baustelle zum Neubau des Olympiastadions

Die Menschen sind im Übrigen das, was einem sofort äußerst angenehm auffällt. Die Freundlichkeit allen gegenüber, Einheimischen wie Fremden, ist kaum zu übertreffen. Disziplin wird ganz großgeschrieben. Sauberkeit scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein. Das saubere Stadtbild ohne Schmutz und Abfall würde man sich in deutschen Städten auch öfter wünschen. Keine Spur von Indizien für eine Wegwerfgesellschaft.

2013 hat Tokio den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2020 erhalten und sich dabei gegen Madrid und Istanbul durchgesetzt. Die Hoffnung, dass diese Wahl keine Finanzprobleme zur Folge haben würde, wurde bald zerstört. Nach japanischen Medienberichten von vor einem Jahr sollen die Kosten für die Spiele von ursprünglich geplanten 2,5 Milliarden EUR auf 13,8 Milliarden € gestiegen sein. Höhere Personalkosten und Steigerung der Ausgaben für die Sicherheit sollen die Gründe dafür sein. Mehr Transparenz, mehr Nachhaltigkeit und mehr Bescheidenheit hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) für die Zeit ab 2020 versprochen. Dies alles wird sich wohl nicht erfüllen. Man kann nur hoffen, dass eine seit Jahrzehnten wirtschaftlich starke Nation wie Japan diese Probleme besser bewältigen wird als das Schwellenland Brasilien 2016, bei dem Olympia zu einem wahren Desaster geführt hat.

Dieser Nebenplatz am Olympiastadion dient den Leichtathleten vermutlich als Einlaufplatz
Dieser Nebenplatz am Olympiastadion dient
den Leichtathleten vermutlich als Einlaufplatz

Weitere Probleme verursachen wahrscheinlich der Verkehr und die Temperaturen. Auf den engen Straßen von Tokio Platz für eine „Olympic Lane“, also eine frei Spur für alle IOC-Transporte zu schaffen, wird nach Aussage des Chefs des  Organisationskomitees, Toshiro Muto, von wohl kaum möglich sein. Auch die klimatischen Verhältnisse lassen nichts Gutes erwarten. Zum Zeitpunkt der Spiele im August soll es in Tokio ständig um die 30° C heiß sein bei hoher Luftfeuchtigkeit. Deswegen waren die Olympischen Spiele 1964 dort in der Zeit vom 10. bis 24. Oktober ausgetragen worden.

So fragt man sich beispielsweise, ob es wirklich notwendig war, ein neues Olympiastadion für 2020 zu bauen. Das alte Olympiastadion, das 1991 noch gut genug für die Leichtathletik-Weltmeisterschaften war, wurde abgerissen und wird an gleicher Stelle neu gebaut. Es befindet sich im Stadtteil Shinjuku, so dass es für uns leicht erreichbar war. Wie erwartet, befindet es sich noch im Stadium des Rohbaus und ist derzeit eine laute Baustelle.

Weitere Sportstätten sind ebenso im Bau, einige sind auch schon fertig bzw. waren ohne Baumaßnahmen olympiareif.

Die bei der Bevölkerung in Japan beliebtesten Sportarten sind Baseball, Golf, Fußball und Kampfsportarten, allen voran Judo und Sumo-Ringen. Leichtathletik ist auch populär, wobei der Marathonlauf eine herausragende Bedeutung einnimmt. Wahren Kultstatus hat immer noch der ehemalige Marathonläufer Kokichi Tsuburaya, der bei den Olympischen Spielen 1964 im eigenen Land die Bronzemedaille gewann. Vier Jahre später, neun Monate vor den Spielen in Mexiko-City, hatte er solche Angst, die hohen Erwartungen seiner Landsleute nicht erfüllen zu können, dass er sich das Leben nahm. Und das nur, weil er wegen vieler Verletzungen nicht richtig in Form gekommen war.

Kaiserpalast 1 web
Zweibogen-Brücke Seimon-Ishibashi am Kaiserpalast von Tokio

Der jährlich stattfindende City-Marathon von Tokio gehört zu den besten der Welt. Seit dem 2. November 2012 gehört er zum Zusammenschluss der „World Marathon Majors“ (WMM), dem außer Tokio die Marathons von Boston, London, Berlin, Chicago und New York angehören. Der nächste Marathon findet am 25. Februar 2018 statt. Die Streckenrekorde bei den Männern und Frauen werden von Kenias Stars Wilson Kipsang mit 2:03:58 h bzw. Sarah Chepchirchir mit 2:19:47 h gehalten. Beide Rekorde wurden 2017 aufgestellt. Aber auch bei den Hobbyläufern genießt der Wettkampf hohes Ansehen.Im Schnitt kommen stets um die 35.000 Finisher ins Ziel. Weniger berühmt, aber traditionsreicher ist der Marathonlauf in Fukuoka. Seit 1947 wird er ausgetragen. Er ist aber nur ein Männerlauf und findet jeweils Anfang Dezember statt.

In der Nähe des Kaiserpalastes sieht man oft Jogger
In der Nähe des Kaiserpalastes sieht man oft Jogger

Die meisten Jogger haben wir in der Gegend um den Kaiserpalast gesehen. Eine Runde um den Palast ist 5 km lang.

Während unseres Aufenthalts kam es in Tokio zu einer sportpolitisch brisanten Begegnung. Bei der Endrunde der letzten Vier im Rahmen der Ostasienmeisterschaft im Fußball kam es zum Duell Nordkorea gegen Südkorea. Im Spiel am 12. Dezember gewann dabei Deutschlands Gruppengegner bei der diesjährigen WM in Russland, Südkorea, diese Begegnung der politisch verfeindeten Länder mit 1:0. Im letzten Spiel gewann außerdem Südkorea gegen Japan und gewann dadurch den Titel. Am Tag zuvor war es bei der gleichen Meisterschaft der Frauen in der benachbarten Stadt Chiba zum gleichen Duell gekommen. Die Frauenmannschaft Nordkoreas ist ja bekanntlich absolute Weltklasse und konnte gegen Südkorea mit dem gleichen Ergebnis (1:0) den Spieß umdrehen. Nordkorea wurde auch Turniersieger. Wir hatten zufällig die Männermannschaft Nordkoreas im Hotel getroffen, als sie auf den Lift wartete. Wie erwartet, waren zahlreiche Aufpasser in der Nähe, die alles „im Griff hatten“. Das war eine bedrückende Situation, die man ja nun nicht alle Tage erlebt. Unvorstellbar, dass der ehemalige Bundesliga-Torschützenkönig Jörn Andersen dort als Trainer arbeitet. Wie hält man das aus, ständig so bewacht zu werden …?

 

 

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